Hauptseminar: Zentren jüdischen Lebens in Mitteleuropa
Dozenten: Prof. Dr. Hans Hecker / Dr. Falk Wiesemann
SS 1996
Zentren hebräischen Buchdrucks vom 15. bis 19. Jahrhundert
Viola Voss Magister
Himmelgeisterstr. 57 Geschichte 06
40225 Düsseldorf Medienwissenschaft 06
Abgabe: 7.10.1996 Anglistik 05
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. Verhältnis des Judentums zum Druckwesen 4
3. Einfluß des Buchdrucks auf das Judentum 6
4. Anfänge des hebräischen Buchdrucks im 15. Jahrhundert
4.1. Italien 7
4.2. Spanien und Portugal 9
4.3. Konstantinopel 10
4.4. Allgemeine Entwicklungen und Tendenzen 10
5. Das 16. Jahrhundert
5.1. Italien
5.1.1. Gerson Soncino 12
5.1.2. Daniel Bomberg in Venedig 13
5.1.3. 1550-1600 14
5.2. Das Osmanische Reich: Konstantinopel und Saloniki 16
5.3. Osteuropa: Prag, Krakau und Lublin 17
5.4. Hebräischer Buchdruck von und für Christen: Paris und Basel 18
5.5. Die protestantischen Universitäten in den Niederlanden: Leiden und Frankener 19
5.6. Allgemeine Entwicklungen und Tendenzen 19
6. 1600-1750
6.1. Amsterdam 21
6.2. Die deutschen Städte 22
6.3. Allgemeine Entwicklungen und Tendenzen 24
7. 1750-1850: Verschiebung nach Osten 25
8. Schluß 27
9. Literaturverzeichnis 28
1. Einleitung
Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Ausbreitung und Entwicklung des hebräischen Buchdrucks von seinen Anfängen am Ende des 15. Jahrhunderts bis zur Entstehung der modernen, nationalen Literatur in der Mitte des 19. Jahrhunderts.
Nach einer kurzen Einführung über die Bedeutung des Druckwesens für das Judentum, gesondert betrachtet nach dem Verhältnis des Judentums zum gedruckten Wort und dem Einfluß des Buchdrucks auf das Judentum, folgt im Hauptteil der Arbeit ein chronologischer Abriß, in dem die wichtigsten Zentren des hebräischen Buchdrucks sowie allgemeine Entwicklungen und Tendenzen im jeweiligen Zeitabschnitt behandelt werden.
Die chronologische Einteilung empfiehlt sich vor allem deshalb, weil der hebräische Buchdruck immer stark von der allgemeinen politischen, wirtschaftlichen, kulturellen und religiösen Situation, in der sich das Judentum befand, geprägt war, die sich im Laufe der Zeit immer wieder veränderte. Einerseits wurden die Juden durch äußere Einflüsse immer wieder zu Migrationen gezwungen, so daß sich die Orte, an denen gedruckt werden konnte, bzw. an denen es Bedarf an hebräischen Druckerzeugnissen gab, immer wieder änderten. Andererseits wirkten veränderte äußere Umgebungen ihrerseits auf die Möglichkeiten des Drucks sowie auf die Art von Literatur ein, an der es Bedarf gab.
Besonders deutlich zeigt sich der äußere Einfluß bei der Verbreitung des hebräischen Buchdrucks, wenn man kartographische Darstellungen der Migrationsbewegungen insbesonders nach der Vertreibung der Juden von der iberischen Halbinsel mit einer Darstellung der ersten Druckorte vergleicht, so daß Posners Feststellung "Hebrew printing followed the wanderings of the Jews" als gliederndes Motto dieser Arbeit gesehen werden kann.
Die Arbeit wird zeigen, wie und warum sich der hebräischen Buchdruck von seinen Anfängen in Italien, Spanien, Portugal und Konstantinopel im 15. Jahrhundert zu Beginn des 16. Jahrhunderts völlig auf Italien konzentriert hat; wie dann ab dem 17. Jahrhundert Amsterdam zum Hauptzentrum wurde, das ab Mitte des Jahrhunderts mit deutschen Städten konkurrierte, und wie es ab 1750 schließlich zu einer Verschiebung nach Osten kam.
Dabei wird das Hauptaugenmerk dieser Arbeit insgesamt vor allem auf der historischen Entwicklung des hebräischen Buchdrucks in den wichtigsten Zentren liegen; auf weitere Orte, an denen hebräische Bücher gedruckt wurden, sowie auf einzelne Drucker, Druckerzeugnisse und Drucktechniken wird nur am Rand eingegangen.
2. Verhältnis des Judentums zum Druckwesen
Das Schreiben und Geschriebenes spielen eine wichtige Rolle in der jüdischen Religion; die alleinige religiöse Autorität ist die Thora, ein Schriftstück, das neben anderen Werken als "Heilige Schrift" betrachtet wird. Deshalb gibt es in der jüdischen Gesetzesüberlieferung genaue Vorschriften über das Schreiben an sich, die Materialien und Instrumente zum Schreiben sowie über den Umgang mit Geschriebenem.
Das Druckwesen stieß anfangs innerhalb des Judentums auf Widerstand und Bedenken, die einerseits aus naheliegenden praktischen Gründen von den Abschreibern, die um ihre Erwerbsquelle fürchten mußten, geäußert wurden, andererseits aber auch religiöse Hintergründe hatten, da zunächst Ungewißheit bestand, wie man mit dieser Neuerung und ihren Produkten umgehen sollte, bzw. ob sie wie geschriebene Texte zu behandeln seien oder nicht.
Die Drucker selbst hoben in Schlußworten und Nachschriften zu den von ihnen gedruckten Büchern die Vorteile ihrer Produkte hervor und priesen ihre Beschäftigung wie das Schreiben von heiligen Texten als "himmlisches Werk" und "heilige Arbeit". Auch benutzten sie zunächst das Verb schreiben, um ihre Tätigkeit zu definieren.
In den Responsen wurden jedoch auch kritische Fragen gestellt, wie "... if we print a sacred book, have we thereby fulfilled the biblical command, 'And thou shalt write them?' ... Are they sacred enough to require the careful and respectful handling prescribed in the Law for holy writing...?"
Von anderer Seite wurde versucht nachzuweisen, daß schon die Juden in biblischer Zeit mit dieser Kunst vertraut waren, um sie so zu legitimieren und dem Schreiben gleichzustellen.
Die Zweifel und Ängste konnten sich jedoch nicht halten oder durchsetzen; die neue Erfindung wurde bald als "Krone der Wissenschaft" gesehen und als Mittel, um die Vorsehen nach Jes. 11,9, wonach "die Erde voller Erkenntnis sein werde", zu realisieren. Das Drucken wurde dem Schreiben und das Gedruckte dem Geschriebenen gleichgesetzt, obwohl es immer wieder kritische Stimmen gab, die sich gegen diese Praxis äußerten.
Das Druckwesen breitete sich rasch aus, wobei Golds Erklärung "Hebrew printing was accepted quickly by the Jewish people, who have always adopted easily to external change" wohl etwas zu einfach gehalten ist. Das gedruckte Buch brachte zu viele Vorteile für das Judentum mit sich, um nicht allgemein schnell akzeptiert zu werden. Außerdem war der Bildungsstand der Juden im Vergleich zur christlichen Bevölkerung sehr hoch, und eine große Zahl der Juden konnte lesen und schreiben, besonders fast alle Männer, so daß es einen großen Absatzmarkt für hebräische Bücher gab, was wiederum die Buchdruckerei für viele Juden und später auch Nichtjuden zu einem interessanten weil profitabel erscheinenden Geschäft machte.
3. Einfluß des Buchdrucks auf das Judentum
Der Einfluß des Druckwesens auf das Judentum war weitreichend; Posner spricht sogar von einem "revolutionary influence on the religious and cultural life of Jewish communities". Dieser Einfluß äußerte sich im einzelnen wie folgt:
· Die Reihenfolge der biblischen Bücher und deren Teilung sowie die Kapiteleinteilung und Bezifferung der Psalmen wurden durch die ersten Drucke endgültig festgelegt, oft entgegen der Überlieferung.
· Durch den Druck wurde die Bibel zum Volksbuch, das durch grammatikalische Werke und Wörterbücher, die ebenfalls erstmals ein breites Publikum erreichten, ein größeres Verständnis erhielt.
· Auch das Talmudstudium wurde so weiten Kreisen ermöglicht und vereinfacht.
· Gedruckte Lehr- und Gebetbücher brachten eine gleichmäßige und feste Gestaltung des synagogalen Ritus mit sich, wobei die Herausgeber die Stelle des Vorbeters einnahmen.
Alle diese Aspekte liefen darauf zu, die Religion der Masse noch näher zu bringen und es jedem einzelnen zu ermöglichen, sich unabhängig von anderen mit der Religion zu befassen. Außerdem wurde die Einheit und das Zusammengehörigkeitsgefühl der weit verstreuten Religionsgemeinschaft gestärkt. Wie schnell das Druckwesen angenommen wurde, bzw. wie schnell sich die positiven Folgen durchsetzten, läßt sich an einigen Zahlen belegen: Bereits nach 30 bis maximal 35 Jahren nach Erfindung der Druckkunst wurde das erste hebräische Buch gedruckt, und in einigen Gegenden war ein hebräisches Buch das erste gedruckte Buch überhaupt, wie z.B. in Faro/Portugal 1487, Fez/Nordafrika 1516 und Konstantinopel 1493. Des weiteren nahm die Zahl der hebräischen Manuskripte im Vergleich von 1450 bis 1490 und von 1490 bis 1530 um die Hälfte ab. Außerdem ist zu beachten, daß sich der hebräische Buchdruck innerhalb von 25 Jahren von 1475 bis 1500 in mehreren Städten Italiens, Spaniens und Portugals und sogar bis Konstantinopel entwickelte.
4. Anfänge des hebräischen Buchdrucks im 15. Jahrhundert
4.1. Italien
Die erste Erwähnung von Juden in Zusammenhang mit dem Buchdruck findet sich in einem Dokument aus Avignon im Jahr 1444, die Lorian wohl zurecht als "le mystère de la typographie hébraique en Avignon" bezeichnet. Gutenberg hatte in Deutschland seit 1436 mit dem Buchdruck experimentiert und 1445 seinen ersten Text gedruckt. In Deutschland, von wo das Druckwesen seinen Ausgang nahm, war es den Juden nicht erlaubt, dieses neue Handwerk zu erlernen, da das Gildewesen nur christlich geborenen Bürgern offenstand.
1465 wurde der Buchdruck von den zwei Deutschen Conrad Sweinheim und Arnold Pannartz, die sich in Subiaco bei Rom niederließen, in Italien eingeführt, nachdem dort bereits 1462 ein einzelnes Buch gedruckt worden war. Einige undatierte hebräische Drucke ähneln den Drucken Sweinheims und Pannartz', so daß man heute im allgemeinen annimmt, daß dies die ersten hebräischen Drucke überhaupt sind und daß die ersten hebräischen Drucker ihr Handwerk von Sweinheim und Pannartz erlernt haben. Diese Drucke sind noch recht einfach und primitiv; ihre Herstellungsjahre werden von Marx auf 1469-1472 bestimmt.
Das erste datierte hebräische Buch wurde am 17. Februar 1475 in Reggio di Calabria/Süditalien fertiggestellt und ist der Rashi-Kommentar zum Pentateuch, eines der beliebtesten Werke jüdischer Literatur zu jener Zeit. Im selben Jahr erschien in Piove di Sacco bei Padua/Norditalien das nächste datierte Buch, der Turim von Jakob ben Asher, dessen Popularität sich daran ablesen läßt, daß er in den ersten 30 Jahren des hebräischen Buchdrucks in mindestens 13 verschiedenen Editionen veröffentlicht wurde.
Nachdem mit diesen Werken der Anfang gemacht worden war, entstanden bis zum Jahre 1500 12 Druckereien in Italien, u.a. in Mantua (1474-1477), wo erstmals auch Werke zeitgenössischer Autoren gedruckt wurden, in Ferrara (1473-1477), Bologna (1477-1482), Soncino (1483-1487) und Neapel (1487-1494). Posner legt eine Liste von 10 Druckern bzw. Druckerfamilien und Druckerzusammenschlüssen vor, die teilweise öfters den Ort gewechselt haben.
Die bedeutendste Druckerfamilie Italiens waren die Soncinos, eine Familie aus Speyer, die nach Soncino/Norditalien ausgewandert war und sich nach diesem Ort benannt hatte. Offenberg bezeichnet sie zurecht als "the leading printers of Hebrew books in Italy", da sie zusammen mehr als ein Drittel aller Inkunabeln produziert haben.
Israel Nathan Soncino war ursprünglich im Bankgeschäft tätig gewesen, mußte dieses aber nach einem Verbot 1478 aufgeben, woraufhin er sich dem Buchdruck zuwandte. Er konzentrierte sich zunächst auf die Hauptwerke der jüdischen Literatur: Sein erstes Buch war 1483 ein Talmudtraktat, dem weitere folgten. Danach wandte er sich auch moralischen und philosophischen Werken zu, bis er 1485 einen ersten biblischen Text, die frühen Propheten, herausgab.
Nathan Israel starb 1489, hatte aber bereits vorher seine Familie in das Geschäft miteinbezogen, so daß sein Sohn die Druckerei fortführte und, nachdem die Grafschaft Milan von Verfolgungen bedroht war, damit nach Neapel zog. Mit ihm und zwei anderen Druckern wurde Neapel nach Soncino zum wichtigsten Druckort in Italien; nur in Soncino wurden in 10 Jahren noch mehr Inkunabeln gedruckt als in Neapel.
Bereits 1485 war dort die erste hebräische Druckerei eröffnet worden, und bis zum Ende der hebräischen Pressen in Neapel 1494 wurden 20 verschieden Publikationen, darunter viele Erstausgaben klassischer Texte, veröffentlicht; am bedeutendsten war der letzte Teil der hebräischen Bibel, der dort zum erstenmal erschien.
Nach 1490 war Neapel der einzige größere Ort in Norditalien, in dem hebräischer Buchdruck noch erlaubt war und wo Juden unter königlicher Protektion in Frieden leben konnten. Mit den zusätzlichen 40000 jüdischen Flüchtlingen, die 1492 aus Spanien kamen, gab es in Neapel, das bereits seit Jahrhunderten eine große jüdische Gemeinde hatte, einen breiten Absatzmarkt für hebräische Bücher.
Doch schon 1494 war diese Blütezeit schon wieder vorbei, unter anderem auf Grund der verschärften kirchlichen Gesetzgebung, die den hebräischen Buchdruck erschwerte, sowie wegen der Verfolgungen, die nach der Einnahme Neapels durch Karl VIII. von Frankreich und dem Einsetzen der Pest, für das die Juden verantwortlich gemacht wurden, einsetzten. Die endgültige Vertreibung aller Juden aus Neapel fand 1510 statt, wonach ab 1520 nicht einmal mehr hebräische Typen benutzt wurden.
Ein Enkel Soncions, Gerson Soncino, druckte von 1490 bis 1494 in Brescia, wo er sich den Notwendigkeiten des religiösen Lebens anpaßte und hauptsächlich Ausgaben des Pentateuchs, der Psalmen und Gebetbücher druckte; "... when men are in daily terror of their lives and in fear of the confiscating hand of the opressor they have no inclination for the delights of literature ... in conditions of great trial and tribulation men pray but they do not study" beschreibt Amram die Situation. 1494 druckte Gerson Soncino die "Bescia-Bibel", die von Luther für seine Bibelübersetzung benutzt wurde.
Nach 1494 druckte er in Barco, wo er weitere Zugeständnisse an die äußeren Umstände machen mußte und seine Drucke selbst zensierte, so daß sie nicht das Aufsehen der Kirche erregten, obwohl diese zu diesem Zeitpunkt noch keine offizielle Zensur ausübte. Zu dieser Zeit war er nach Amram der einzige hebräische Drucker der Welt, nach Bloch wurde aber sowohl in Leira noch bis 1496 als auch Lissabon noch bis 1497 hebräisch gedruckt.
Nach 1497 erlebte der hebräische Buchdruck jedoch einen absoluten Stillstand, der bis zum Ende des Jahrhunderts und darüber hinaus anhielt.
4.2. Spanien und Portugal
Auf der iberischen Halbinsel begann der hebräische Buchdruck wahrscheinlich in den 1470er Jahren in Montalbán bei Toledo, wovon man jedoch nur durch Inquisitionsakten weiß, da keine Drucke erhalten sind. Das erste erhaltene datierte hebräische Buch wurde erst im September 1476 in Guadalajara bei Madrid veröffentlicht; Bloch zitiert jedoch Adler, der meint: "... it is only natural to suppose that the first Hebrew books were printed in Spain before February 1475, the date of the earliest Hebrew incunabula. The Jews of Spain were in those days wealthier and more intellecutal than their Italian brethren." Wenn man allerdings die undatierten hebräischen Inkunabeln aus Rom auf die Zeit 1469 bis 1472 festlegt, ist es wohl wahrscheinlicher, daß sich der hebräische Buchdruck ungefähr zeitgleich in Italien und Spanien ab etwa 1470 entwickelt hat.
Ein direkter Einfluß aus Italien macht sich bei dem ersten datierten hebräischen Buch in Spanien bemerkbar: Es wurde auf Bestreben Abraham Gartons 1476 in Guadalajara gedruckt, der ein Jahr zuvor in Reggio di Calabria das erste überhaupt datierte hebräische Buch gedruckt hatte und fast mit der gesamten Auflage nach Spanien gekommen war; wegen der großen Nachfrage ließ er dasselbe Buch, den Rashi-Kommentar, ab 1476 auch in Spanien druckten. Nach Guadalajara wurde wahrscheinlich ab 1484 auch in Zamora gedruckt (u.a. 1487 eine erneute Ausgabe des Rashi-Kommentars) und ab 1485 in Híjar, das für eine Weile zum Zentrum des hebräischen Buchdrucks auf der iberischen Halbinsel wurde, u.a. wurde dort ebenfalls der Turim Jakob ben Ashers veröffentlicht. Mit der Zeit entwickelte sich sogar ein Wettkampf zwischen den italienischen und spanischen Pressen um den Markt auf der iberischen Halbinsel.
Nach Portugal wurde der hebräische Buchdruck wie auch dieses Handwerk überhaupt durch Juden aus Spanien gebracht; nachdem in Spanien die Inquisition begonnen hatte, erschienen die Lebensbedingungen für Juden in Portugal zunächst günstiger. Das erste datierte hebräische Buch war eine Pentateuch-Ausgabe, die 1487 in Faro gedruckt wurde, wo bis 1497 eine hebräische Presse aktiv war. Ab 1488 wurde auch in Lissabon gedruckt, ab 1492 in Leira, wo in derselben Druckerei auch spanische und lateinische Texte entstanden.
Insgesamt gab es neun hebräische Druckereien auf der iberischen Halbinsel, die jedoch in Spanien ab 1492, in Portugal ab 1497 mit der Vertreibung der Juden aufhörten zu drucken.
4.3. Konstantinopel
Nachdem über einen längeren Zeitraum hinweg kontrovers diskutiert wurde, ob das erste hebräische Buch in Konstantinopel noch im 15. Jahrhundert gedruckt worden war, wird heute das Jahr 1493 allgemein als Erscheinungsjahr akzeptiert. Besonders Offenberg hat naheliegende Beweise zusammengetragen, die es als sehr wahrscheinlich erscheinen lassen, daß zwei Brüder, die 1492 aus Híjar geflohen waren und über Neapel, von wo sie eventuell der Ausbruch der Pest vertrieb, nach Konstantinopel kamen, dort 1493 ihr erstes Buch, ebenfalls Jakob ben Ashers Turim, druckten; Papierknappheit erschwerte jedoch ihre weitere Arbeit.
4.4. Allgemeine Entwicklungen und Tendenzen
Insgesamt läßt sich feststellen, daß sowohl die Drucker in Italien als auch auf der iberischen Halbinsel zunächst fast ausnahmslos in kleineren Orten und Städten druckten; Hauptgrund dafür wird wohl die Abgeschiedenheit und Freiheit gewesen sein, die sich ihnen dort vor staatlichen Autoritäten und besonders auch vor der Kirche bot. Die Druckereien selbst waren auch nicht besonders groß, beschäftigten selten mehr als sechs Personen und waren vorrangig Familiengeschäfte. Sie wurden oft von Söhne und Enkeln weitergeführt, wie im Fall der Familie Soncino; teilweise wurden auch nur die Gerätschaften von anderen Druckern weiterverwendet, so enthält zum Beispiel der erste Druck aus Konstantinopel Typen aus Neapel, Híjar und Lissabon.
In den ersten 30 Jahren des hebräischen Buchdrucks wurden um die 70 verschiedene Texte veröffentlicht, u.a. vor allem die Hebräische Bibel, als ganzes oder oft auch nur der Pentateuch und die Psalmen, die Kommentare der Rabbiner des Mittelalters, Traktate des Talmud, Gebetbücher, ferner auch liturgische, philosophische, historische und literarische Werke; am beliebtesten waren offensichtlich der Pentateuch und der Turim Jakob ben Ashers, die beide mindestens dreizehnmal veröffentlicht wurden. Werke zeitgenössischer Autoren wurden nur selten veröffentlicht.
Heute sind noch etwa 140 Ausgaben in ca. Kopien in öffentlichen Sammlungen erhalten, und man nimmt an, daß die Zahl der verlorengegangenen Inkunabeln ein Drittel davon beträgt. Besonders rar sind hebräische Inkunabeln aus spanischen und portugiesischen Pressen auf Grund der Bücherverbrennungen der Inquisition.
Die Auflagenzahlen waren während des 15. Jahrhunderts noch relativ gering; bei einigen Exemplaren ist die Auflage angegeben, die zwischen 125 und 400 liegt.
5. Das 16. Jahrhundert
5.1. Italien
5.1.1. Gerson Soncino
Ab 1503 druckte Gerson Soncino in Fano/Italien wieder hebräische Bücher, aber auch lateinische und italienische Werke; danach war er von 1507 bis 1520 in Pesaro aktiv, mit Unterbrechungen in Fano und Ortona. Seit 1520 druckten seine Söhne in Saloniki hebräische Bücher, wohin es ihn 1526 ebenfalls zog, nachdem er zuvor mit nachlassendem Erfolg, sinkenden Gewinnen und bedroht von religiöser Verfolgung in Rimini veröffentlicht hatte. Konkurrenz war ihm noch nicht so sehr durch eine hebräische Presse in Mantua, die von 1513 bis 1515 aktiv war, entstanden, sondern spätestens ab 1516 durch Daniel Bomberg, der in Venedig hebräische Bücher druckte.
5.1.2. Daniel Bomberg in Venedig
Obwohl Venedig bereits im 15. Jahrhundert zu einem Zentrum des Buchdrucks geworden war, entwickelte sich der hebräische Buchdruck erst mit Daniel Bomberg dort. Die günstigen Bedingungen, die sich in Venedig für die Buchdruckerei boten, äußerten sich vor allem in den niedrigen Rohstoffpreisen, die einen preisgünstigen Druck, hohe Auflagen und damit verbunden geringe Endpreise ermöglichten, und in der günstigen Lage an einem Verkehrsknotenpunkt. Für Juden waren die Lebensbedingungen in Venedig nicht optimal: Sie wurden zwar geduldet, mußten aber einen gelben Hut als Erkennungszeichen tragen, und ab 1516 im ersten jüdischen Getto leben; außerdem war ihnen der Besitz von Druckereien und die Betätigung in denselben verboten.
Daniel Bomberg, der aus Antwerpen nach Venedig gekommen war, war der erste Christ überhaupt, der hebräische Bücher druckte. Um Juden als Redakteure, Lektoren und Korrektoren in seiner Druckerei beschäftigen zu dürfen, mußte er sich vom venezianischen Senat ein Privileg beschaffen, das er auch bekam. Sein erstes Buch war die erste überhaupt gedruckte Rabbiner-Bibel, die den Text der Bibel mit rabbinischen Standardkommentaren enthielt und zwischen 1516 und 1517 veröffentlicht wurde. Obwohl dieses Werk auch für christliche Hebraisten und Studenten der Bibelexegese von Bedeutung und Nutzen war, druckte Bomberg doch zunächst hauptsächlich für eine jüdische Kundschaft, für die dieses Werk von großer religiöser Bedeutung war. Bomberg anvancierte schon bald zum bedeutendsten Drucker hebräischer Bücher und übernahm damit den Markt, den bis dahin Gerson Soncino dominiert hatte.
Nach der Rabbiner-Bibel begann er 1519 mit dem Druck einer vollständigen Talmudausgabe, wobei er sich auf die Zustimmung des Papsttums stützen konnte. Auch dieses Werk war ein großer Erfolg, und die große Nachfrage machte drei Jahre nach der Beendigung der ersten Auflage schon 1526 einen Nachdruck notwendig. Mit dem Ausbruch der Pest 1530 nahm die Zahl seiner Publikationen jedoch ab, und zwischen 1533 und 1537 schien die Presse vollständig stillzustehen.
1537 erließ der Senat von Venedig neue Gesetze für das Druckwesen, nachdem sich ein weitreichender Qualitätsniedergang vor allem durch die Verwendung von minderwertigem Papier vollzogen hatte. Diese Gesetzgebung scheint Bomberg jedoch nie belastet zu haben, da er immer nur auf hochwertigem Papier druckte; im Gegenteil, wie Bloch feststellt: "... it was perhaps in part due to this fact, that the fame of Bomberg's press spread far beyond the boundaries of his country ... Bomberg's export trade must have been great."
Nach zwei Jahren Drucktätigkeit kam es zwischen 1539 und 1543 zu einem erneuten Stillstand seiner Druckerei. Mit der drohenden Konkurrenz einer neuen hebräischen Druckerei in Venedig begann Bomberg jedoch ab 1545 wieder verstärkt zu publizieren: 1545 zehn Bücher und im folgenden Jahr dreizehn Werke. Zu dieser Zeit stellte die neue Druckerei noch keine Gefahr für Bomberg dar; schließlich übertraf sie ihn jedoch, so daß 1547 das letzte, wenn auch äußerst erfolgreiche Druckjahr für Bomberg war.
Insgesamt hatte Bomberg zwischen 1515 und 1548 186 Ausgaben hebräischer Schriften, darunter viele Erstausgaben, veröffentlicht, u.a. den vollständigen Talmud, die Rabbiner-Bibel und hebräische Wörterbücher und Grammatiken, sowie viele Werke mit mystischem Inhalt, auf die er einen inhaltlichen Schwerpunkt gelegt hatte.
In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts entstanden in Italien außerhalb von Venedig kurzzeitig noch hebräische Druckereien in Genua, Rom und Bologna. In Bologna druckten von 1537 bis 1540 jüdische Seidenweber sehr erfolgreich Gebetbücher; in Rom entstanden nur sporadisch kurzlebige Druckereien, so 1518, von 1540 bis 1545 und von 1545 bis 1546. Als Grund dafür stellt Amram fest: "The incence-laden atmosphere of Rome, however, was fatal to the production of Hebrew books." Tatsächlich wurde bis 1810 kein hebräisches Buch mehr in Rom gedruckt.
5.1.3. 1550-1600
Nach dem Ende von Bombergs Presse hatte die Druckerei von Marc Antonio Giustiniani, einem reichen venezianischen Patrizier, zunächst ein Monopol im hebräischen Buchdruck in Venedig inne, das jedoch schon 1550 mit dem Beginn der Drucktätigkeit von Alvise Bragadini wieder gebrochen wurde. Der Konkurrenzkampf dieser beiden christlichen Drucker hebräischer Bücher, genauer gesagt ihr Streit um das Druckrecht einer Talmudausgabe, führten zu einer Verurteilung des Talmuds durch die Inquisition, vor die der Fall durch mehrere Instanzen gekommen war und die in ihm gotteslästerliche Äußerungen feststellen wollte. Diesem Urteil folgend erließ der Papst 1553 eine Bulle, in der er die Konfiskationen und Verbrennung aller Talmudausgaben anordnete, was u.a. in Bologna, Mantua, Ravenna und Rom auf öffentlichen Plätzen geschah und auch in Venedig bereitwillig ausgeführt wurde. Eine weitere Bulle aus dem Jahr 1554 forderte die Verbrennung aller trotz des Verbotes noch existierenden Talmudausgaben; des weiteren wurden alle hebräischen Bücher, die blasphemische Äußerungen enthielten, verboten, was Stow als "reaffirmation" der ersten Bulle und damit als Fortführung der eingeschlagenen Politik ansieht, während Bloch die Erlaubnis, zensierte Bücher zu besitzen, als "modification of the severity" der ersten Bulle beschreibt.
Die unmittelbare Konsequenz dieser Talmudverbrennungen und Bullen war ein starker anzahlmäßiger Rückgang hebräischer Druckereien. Außerdem führten die Juden 1554 eine Art "präventive Selbstzensur" ein, die aus einer Kontrollbehörde innerhalb der Gemeinde bestand.
Giustinianis Geschäft war schon seit 1552 zum Erliegen gekommen, da Bragadini Unterstützung durch eine der bedeutendsten Autoritäten des rabbinischen Rechts bekommen hatte; nach 1553 mußte jedoch auch Bragadini mit dem Drucken aufhören.
Nach 1554 wurde der hebräische Buchdruck in Venedig zunächst nicht weiter fortgeführt, obwohl er offiziell nicht verboten war; er verlagerte sich u.a. nach Ferrara, Sabioneta, Riva di Trento, Cremona und Mantua.
Die liberalen politischen Zustände in Ferrara hatten seit längerem umherziehende Juden, die von der iberischen Halbinsel sowie aus anderen italienischen Staaten geflüchtet waren, angezogen, wo sie relativ frei von Unterdrückung eine der führenden jüdischen Gemeinde Italiens bildeten. Unter diesen Umständen konnte von 1551 bis 1567 in Ferrara für ein breites Publikum gedruckt werden; die ersten Bücher waren beispielsweise philosophische und medizinische Werke sowie Bücher über Traumdeutung und Gesetze koscheres Schlachten betreffend.
Auch in Sabioneta war die politische Situation für die Juden relativ günstig, so daß dort von 1551 bis 1559 hebräisch gedruckt werden konnte, bis auch dort der Druck aus Rom zu stark wurde.
In Riva di Trento stellte sich interessanterweise ein liberaler Kardinal als Schutzherr über eine hebräische Druckerei, die von 1558 bis 1562 aktiv war. Dort wurden hauptsächlich Bücher gedruckt, die einem intellektuellen Interesse entgegenkamen, während nur ein liturgisches Buch entstand.
In Cremona wurden von 1556 bis 1567 hebräische Bücher publiziert, die jedoch einer strengen Zensur unterlagen.
Zwischen 1557 und 1559 erließen Papst und Inquisition weitere Dekrete, die u.a. einen Index von verbotenen hebräischen Büchern enthielten und schließlich den Juden nur noch die Bibel als einziges religiöses Werk in hebräischer Sprache erlauben wollten. Ab 1564 wurden Talmudausgaben mit Kommentaren von päpstlicher Seite jedoch wieder erlaubt, so lange sie zensiert und ohne den ausdrücklichen Titel Talmud gedruckt wurden. Dies mag für die hebräischen Buchdrucker in Venedig ein Zeichen gewesen sein; ab 1564 begannen sechs Druckereien, wieder hebräische Bücher zu publizieren.
Ab 1566 nahm das Papsttum jedoch wieder eine feindliche Stellung zum hebräischen Buchdruck ein, die beibehalten wurde; 1568 kam es in Venedig zu einer erneuten Zerstörung hebräischer Bücher, die angeblich nicht zensiert waren; außerdem beschuldigte man die Juden, türkische Spione zu sein. Sie waren mehr und mehr als interne Bedrohung des Staates betrachtet worden, wie auch ihre Bücher, über deren Inhalt auf Grund der für die meisten Christen nicht verständlichen Sprache Schlimmes vermutet wurde.
Nach diesem zweiten Schlag innerhalb von fünfzehn Jahren gegen die Bücher der Juden und damit auch gegen die Juden selbst, durch den viele wichtige Werke des religiösen Gemeindelebens zerstört worden waren, erholte sich der hebräisch Buchdruck nur langsam. Zudem wurde 1571 in Venedig ein verschärftes Arbeitsverbot für Juden in Druckereien erlassen, womit das Qualitätsniveau der Produkte erheblich sank. Eine Pestwelle von 1575 bis 1577 brachte das Druckwesen in Venedig erneut fast zum Erliegen, so daß es nach 1577 nur noch drei hebräische Druckereien in Venedig gab, die mit der neu entstandenen europäischen Konkurrenz zu kämpfen hatten. Qualität, Quantität und auch der Export sanken weiter, und gegen Ende des 16. Jahrhundert wurden fast ausschließlich liturgische Werke gedruckt.
5.2. Das Osmanische Reich: Konstantinopel und Saloniki
Das Osmanische Reich hatte bereits im 15. Jahrhundert den Juden als Zufluchtsort nach den Vertreibungen aus Spanien und Portugal gedient, von wo sie das Druckwesen mitgebracht hatten. Auch im 16. Jahrhundert waren die Bedingungen für den hebräischen Buchdruck dort günstig, da hebräische Bücher frei und ohne Einflußnahme der Kirche gedruckt und verkauft werden konnten.
So wurden zwischen 1504 und 1530 bereits mehr als hundert hebräische Bücher in Konstantinopel veröffentlicht, wo seit 1493 Flüchtlinge aus Spanien als Drucker aktiv waren. Da hauptsächlich zeitgenössische und ältere spanische Autoren gedruckt wurden, bestand keine Konkurrenz mit den Pressen der Soncinos in Italien, da jeder seine eigene Arbeitssphäre hatte.
Von 1530 bis 1553 druckten die Familie Soncino und ihre Nachfolger über 40 Bücher in Konstantinopel, ebenfalls zum größten Teil zeitgenössische Werke, die über Daniel Bomberg in Venedig vertrieben wurden. Zwischen 1551 und 1553 druckten außerdem Emigranten aus Krakau in Konstantinopel; als bedeutende Druckerfamilie waren von 1559 bis 1593 die Brüder Jabez aus Spanien in Konstantinopel aktiv.
Das erste hebräische Buch, das in Saloniki erschien, wurde 1512 von Flüchtlingen aus Portugal, die zuvor als Drucker in Lissabon beschäftigt waren und typographisches Material von dort mitgebracht hatten, gedruckt; die ersten Werke waren vor allem liturgischer Art. Von 1525 bis 1529 druckte auch die Familie Soncino in Saloniki, bevor sie nach Konstantinopel weiterzog. Ab 1543 waren mit kurzen Unterbrechungen bis 1588 Flüchtlinge aus Spanien und ihre Nachfolger in Saloniki aktiv.
Insgesamt waren die Pressen von Konstantinopel und Saloniki eng verbunden: Bücher, die in der einen Stadt begonnen worden waren, wurden in der anderen fertiggestellt.
5.3. Osteuropa: Prag, Krakau und Lublin
Prag war die erste Stadt nördlich der Alpen, in der hebräische Bücher gedruckt wurden. Dort gab es eine bedeutende Judengemeinde, die einen sicheren Absatz garantierte; außerdem war der Buchdruck in Prag zu Beginn ein offenes Gewerbe, frei von behördlichen Einmischungen und Privilegien.
1512 wurde ein erstes Gebetbuch in Prag gedruckt; liturgische Werke für den Lokalgebrauch waren auch in der Folgezeit charakteristisch für den hebräischen Buchdruck in Prag. Ab 1514 findet sich der Name Gerson Kohens in den Drucken, der mit seinen Nachfolgern, den Gersoniden, zu einer der bedeutendsten Druckerfamilien Europas wurde, die zwischen 1512 und 1553 über 20 Bücher veröffentlichte. Von 1526 an erschien die Familie Kohen als eigener Druckherr; 1527 erhielt Gerson Kohen ein königliches Privileg, das ihn allein zum Druck hebräischer Bücher berechtigte und ihm somit ein Monopol verschaffte; schon ein Jahr später fielen auch seine Bücher unter die Zensur, die alle nicht streng katholischen Bücher überwachte. Nach dem Beginn von Verfolgungen und Ausweisungen im Jahr 1541 stand die Presse längere Zeit still. 1545 durften die Juden nach Prag zurückkehren; im selben Jahr starb Gerson Kohen, dessen Privileg an seinen Sohn weitergegeben wurde. Die "Ungunst der Zeit", wie Lieben es nennt, d.h. Bücherkonfiskationen, Verfolgungen und eine erneute Vertreibung der Juden aus Prag von 1559 bis 1562 sowie die strenge Zensur, die ab 1560 den Jesuiten übergeben wurde, ließen den hebräischen Buchdruck jedoch von den 1550er Jahren bis 1577 stark zurückgehen. Mit dem Regierungsantritt Rudolfs II. 1576 wurden die Lebensbedingungen der Juden in Prag zunehmend günstiger, so daß ab 1578 in der Druckerei der Gersoniden wieder verstärkt gedruckt wurde; 1598 wurde das Privileg für das Monopol im hebräischen Buchdruck erneut bestätigt.
In Krakau begann der hebräische Buchdruck 1534, nachdem zwei Drucker, die zuvor in Prag bei Gerson Kohen beschäftigt waren, eine königliche Lizenz erhalten hatten; kurioserweise druckten sie nach ihrem Übertritt zum Christentum weiter hebräische Bücher, die jedoch von der jüdischen Gemeinde boykottiert wurden. Ab 1569 wurde sehr erfolgreich in einer Presse gedruckt, die in Italien ausgebildete Drucker mit italienischem typographischem Material und ebenfalls mit einer königlichen Lizenz ausgestattet gegründet hatten; bis zum Jahr 1630 wurden dort über 200 Bücher, hauptsächlich von polnischen und deutschen Autoren sowie liturgische Werke für den lokalen Bedarf, veröffentlicht.
Neben Krakau entstand in Lublin ein zweites Zentrum hebräischen Buchdrucks in Polen: Drucker aus Prag begannen dort in den 1550er Jahren zu veröffentlichen.
5.4. Hebräischer Buchdruck von und für Christen: Paris und Basel
Im Zeitalter von Reformation und Humanismus wurden bereits zu Beginn des 16. Jahrhunderts hebräische Bücher von christlichen Druckern speziell für christliche Gelehrte gedruckt. Zentren dieser Variation des hebräischen Buchdrucks waren vor allem Paris ab 1608 und Basel ab 1516; auch in Zürich und Genf wurden einige Bücher gedruckt. Interesse und Bedarf bestand vor allem an Bibelausgaben sowie grammatikalischen Werken.
In Basel, wo es schon seit längerem keine jüdische Gemeinde mehr gab und nur individuelle Aufenthaltsgenehmigungen für einzelne Juden ausgestellt wurden, wurde von 1516 bis etwa 1580 kontinuierlich in Hebräisch gedruckt: "Christliche Theologen und Hebräisten waren die Autoren, verständnisvolle Förder ihrer geistigen Interessen Verleger und Drucker der Basler hebräischen und den Studien der hebräischen Sprache dienenden Werke." beschreibt Prijs die Situation. Wie auch in Venedig gehörten die hebräischen Druckereien in Basel Christen; sie beschäftigten jedoch im Unterschied zu Italien kaum Juden und orientierten sich auch nicht an der in Italien schon weit entwickelten hebräischen Buchdruckkunst. Eine Folge dessen war die Verwendung einer eng gedruckten Schreibschrift, deren unvermeidliche Undeutlichkeiten durch den Druck noch vermehrt wurden. Erst 1578 erschien der erste jüdisch-hebräische Druck in Basel, und von da an wurde vermehrt auch im qualitativ hochwertigerem italienischen Stil für jüdische Konsumenten gedruckt.
5.5. Die protestantischen Universitäten in den Niederlanden: Leiden und Frankener
In den nördlichen Niederlanden setzte sich in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts etwas verspätet ein ähnliches humanistisches und reformatorisches Interesse an der hebräischen Sprache und Literatur durch, das schon in Paris und Basel zum Entstehen des hebräischen Buchdrucks geführt hatte. Besonders groß war die Nachfrage nach hebräischen Grammatiken, Wörterbüchern und linguistischen sowie religiösen Abhandlungen an den Universitäten, die selbst Drucker einstellten und beschäftigten.
Die erste protestantische Universität in den nördlichen Niederlanden wurde in Leiden errichtet, wo besonders eine Kenntnis der hebräischen Sprache zur Auseinandersetzung mit dem Alten Testament in der Originalsprache von Bedeutung war und von den Studenten erwartet wurde. Ab 1583 begann ein christlicher Drucker aus Antwerpen, wo bereits seit 1564 hebräische Bücher gedruckt wurden, für die Universität in Leiden hebräische Texte zu publizieren. Er und seine Nachfolger druckten bis 1689 in Leiden, vor allem hebräische Grammatiken und Wörterbücher.
Die 1585 gegründete Universität von Frankener hatte ebenfalls einen religiösen Schwerpunkt und stellte wie die Universität von Leiden einen christlichen Drucker ein, der hauptsächlich die hebräischen Werke der Universitätsprofessoren veröffentlichte, eben "the normal output for a Protestant theological faculty", wie Fuks es beschreibt. Von allen 53 Büchern in hebräischer Sprache, die noch bis 1742 in Frankener erschienen, wurde keines von Juden geschrieben oder benutzt; alle waren ausschließlich für den Gelehrtengebrauch bestimmt.
5.6. Allgemeine Entwicklungen und Tendenzen
Neben den oben erwähnten wohl wichtigsten Zentren hebräischen Buchdrucks im 16. Jahrhundert entstanden während dieser Zeit auch kleinere Druckereien in anderen Gegenden.
In Deutschland bestand, wie auch in Frankreich, der Schweiz und den Niederlanden, bei Humanisten und Gelehrten ein Bedarf an hebräischen Texten, so daß u.a. in Tübingen (ab 1511), Augsburg (ab 1514), Köln (ab 1518), Wittenberg (ab 1521), Leipzig (ab 1533) und Mainz (ab 1542) christliche Drucker mit hebräischen Typen druckten; manche Bücher enthielten nur einige hebräische Absätze, anderen waren ganz in Hebräisch gedruckt. Des weiteren wurden hebräische Bücher von 1516-1522 in Fez/Marokko von Flüchtlingen aus Lissabon veröffentlicht, sowie zwischen 1557 und 1562 in Kairo/Ägypten von einem Nachfahre Soncinos und zwischen 1577 und 1587 in Safed/Palästina von einem Emigranten aus Prag.
Auch für das 16. Jahrhundert läßt sich feststellen, daß viele hebräische Buchdruckereien oft über einen längeren Zeitraum von einer Familie betrieben wurden. Obwohl Venedig trotz des Abschwungs nach den Talmudverbrennungen das überragende Zentrum des hebräischen Buchdrucks im 16. Jahrhundert mit insgesamt 888 Publikationen war, entstanden mit Konstantinopel (323 Veröffentlichungen), Krakau (216), Basel (197), Saloniki (153) und Prag (100 Publikationen) weitere wichtige Zentren, die sich eigene Absatzmärkte schafften und so wenig Konkurrenz erzeugten. Oft waren auf Grund von Verboten oder anderen zwingenden äußeren Umständen Christen als Drucker hebräischer Bücher tätig. Außerdem entstanden im 16. Jahrhundert größere Druckereien, die teilweise Monopole innehatten und über weitreichende Handelsbeziehungen verfügten.
6. 1600-1750
6.1. Amsterdam
Im 17. Jahrhundert wurde Amsterdam zu wichtigsten Handelsstadt Europas und auch zum bedeutendsten Zentrum hebräischen Buchdrucks in jener Zeit.
Ermöglicht wurde dieser Aufstieg einerseits durch den Niedergang Antwerpens, das zuvor als Drehscheibe zwischen Nord und Süd fungiert hatte, dann aber nach der Eroberung und Plünderung durch die Spanier im Jahr 1585 völlig ruiniert war, und andererseits durch das liberale politische, wirtschaftliche, kulturelle und vor allem auch religiöse Klima, das in Amsterdam herrschte. Besonders für die Juden, vor allem aus Portugal, wurde Amsterdam zu einer "Insel der Toleranz", wohin sie vor Verfolgung und Diskriminierung flüchten konnten; dort galten sie nicht als Bevölkerungsgruppe, deren Glauben abgelehnt werden mußte. Für die Entwicklung des hebräischen Buchdrucks in Amsterdam war außerdem entscheidend, daß Papier und sonstiges Arbeitsmaterial dort relativ billig war, so daß die in Amsterdam gedruckten hebräischen Bücher schnell in Qualität und Preis mit den Erzeugnissen aus Italien und Polen, die den europäischen Markt bis dahin versorgt hatten, konkurrieren und diese schließlich auch übertreffen konnten.
Bereits von 1605 bis 1608 hatte der englische puritanische Theologe Hugh Broughton einige seiner hebräischen Werke in Amsterdam drucken lassen, die jedoch in erster Linie nicht an jüdische Konsumenten gerichtet und außerdem von schlechter Qualität waren; nach Fuks stellen sie eher "first inexperienced steps in the field of Hebrew printing" dar.
Erst mit Menasse ben Israel, einem Emigranten aus Portugal, der als hebräischer Gelehrter und Lehrer tätig war und um den Bedarf an hebräischen Büchern in der wachsenden Gemeinde wußte, nahm der hebräische Buchdruck in Amsterdam seinen Aufschwung. Sein erster Druck war 1627 ein Gebetbuch, und auch in der Folgezeit veröffentlichte er hauptsächlich Gebetbücher und Bibeln sowohl für den lokalen Bedarf als auch für den internationalen Handel; seit 1634 belieferte er auch den osteuropäischen Markt mit preiswerten Gebetbüchern. Daneben publizierte er auch zeitgenössische wissenschaftliche Texte sowie 26 nicht-hebräische Bücher, darunter eigene Werke und Übersetzungen für nicht des Hebräischen kundige Flüchtlinge. Christliche Kaufleute investierten große Summen in seine Verlagsprojekte, was ihm einerseits die Produktion von aufwendigen und kostbaren Ausgaben ermöglichte, andererseits konnte er dadurch in großen Auflagen drucken und so den Buchpreis gering halten. Außerdem begann er als erster in einer Art Taschenbuchformat zu publizieren, für das weniger Papier notwendig war, wodurch das Erzeugnis noch preiswerter wurde. Bis 1655 hatte er über 50 hebräische Werke veröffentlicht und neue, von Italien unabhängige Typen und Stile entwickelt; seine Söhne waren jedoch vor ihm gestorben, so daß die erfolgreiche Firma keine offiziellen, fähigen Nachfolger hatte und unterging.
Neben vielen kleineren Druckereien war ab 1640 vor allem Emmanuel Benaviste aus Venedig in Amsterdam als Drucker hebräischer Texte aktiv; bis 1558 hatte er fast jedes wichtige Werk der jüdischen Literatur in 48 Ausgaben veröffentlicht. Seine Nachfolger spezialisierten sich vor allem auf den Bedarf der aus Deutschland und nach den Progromen 1648 besonders aus Polen eingewanderten Juden.
Ein weiterer sehr erfolgreicher Drucker war der aus Hamburg gekommene Joseph Athias, der ab 1654 in Amsterdam veröffentlichte. Er druckte auch viele nicht-hebräische Bücher, die ihm das Kapital für den Druck weniger geläufiger, aber dennoch wichtiger hebräischer Werke brachten. Außerdem war er auf Bibelausgaben spezialisiert, die 1661 und 1667 Auflagen von 3000 bzw. 5000 Stück erreichten; seine Nachfolger waren bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts in Amsterdam aktiv.
Mit Beginn des 18. Jahrhunderts wurde Samuel Proops zur dominierenden Person des hebräischen Buchdrucks in Amsterdam und beherrschte bald den gesamten hebräischen Buchmarkt. Er führte u.a. Anzeigen für weitere Veröffentlichungen seines Hauses am Ende des Buchs ein und gab 1730 den ersten Verkauskatalog hebräischer Bücher heraus; sein Geschäft wurde bis 1849 von Nachfolgern fortgeführt.
6.2. Die deutschen Städte
Als nach dem Ende des 30jähigen Krieges die zahlreichen deutschen Territorialherren versuchten, die verwüsteten Gebiete vor allem wirtschaftlich wiederaufzubauen, um starke, unabhängige Herrschaftsbereiche zu schaffen, wollten sie sich dafür u.a. der Juden bedienen, die daher freundlich aufgenommen wurden und relative Sicherheit und Großzügigkeit erwarten konnten. Zu dieser Zeit flohen Juden vor allem aus Polen und Rußland und wurden ab 1870 auch aus Wien vertrieben.
Diese Umstände führten dazu, daß ab 1650 auch immer mehr hebräische Druckereien auf deutschem Gebiet entstanden; neben wirtschaftlichen Gründen, die zur Privilegierung einer hebräischen Druckerei führen konnten, wie z.B. die Unterstützung einer lokalen Papiermühle oder auch die Steigerung von Steuereinnahmen, ließen einige Territorialherren auch aus intellektuellen Motiven hebräische Druckereien auf ihrem Gebiet errichten, wie z.B. der Herzog Christian August in Sulzbach im Jahr 1684, der sehr an der Mystik und der Kabbalah interessiert war. Wenn auch Juden in vielen Fällen immer noch nicht als eigene Druckherren auftreten durften, wurden sie doch zahlreich in den Druckereien beschäftigt, die christliche Inhaber hatten, nachdem sie ihr Handwerk in Amsterdam oder Prag erlernt hatten. Zwar herrschte auch in den deutschen Territorien noch eine Art Zensur, jedoch wurde diese längst nicht so streng durchgeführt und überwacht, wie es unter der Kirche im Italien des 16. Jahrhunderts der Fall gewesen war.
Alles in allem hatte der hebräische Buchdruck wieder einmal günstige Umstände gefunden, in denen er sich dann wie gewohnt schnell entwickelte. Wichtige Zentren entstanden neben Sulzbach vor allem in Frankfurt am Main (ab 1657), Frankfurt an der Oder (ab 1677), Fürth (ab 1691) und in Berlin (ab 1697). Produziert wurde für den lokalen Gebrauch der neu entstehenden und wachsenden Gemeinden und in kleinerem Umfang für christliche Hebraisten, zu einem großen Teil aber auch für die Märkte in Osteuropa, wo es im 17. Jahrhundert nur wenige Pressen gab.
Gegen Ende des 17. Jahrhundert waren somit einige kleinere Zentren entstanden, die erfolgreich mit Amsterdam vor allem um den Markt in Osteuropa konkurrieren konnten. Insgesamt gab es bis 1750 etwa zwanzig unabhängige hebräische Druckereien auf deutschem Gebiet, die in ca. 100 Jahren zusammen etwa 2500 Ausgaben hebräischer Texte mit einer durchschnittlichen Auflage von 1000 Exemplaren druckten, wovon liturgische Werke den größten Anteil ausmachten; es wurden aber auch alle anderen Gebiete jüdischer Literatur berücksichtigt.
6.3. Allgemeine Entwicklungen und Tendenzen
Neben Amsterdam und den deutschen Städten blieb Venedig vom 17. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts ein Zentrum des hebräischen Buchdrucks. Während Venedig im 16. Jahrhundert jedoch noch bedeutend mehr hebräische Werke produziert hatte als alle anderen Orte zusammen, ließ diese Vormachtstellung sowie die Produktion insgesamt im 17. Jahrhundert durch die Konkurrenz mit Amsterdam und Prag nach.
Für das 17. Jahrhundert lassen sich als wichtigste Zentren des hebräischen Buchdrucks an erster Stelle Amsterdam mit 685 Publikationen, danach Venedig mit 619 und schließlich Prag mit 552 Veröffentlichungen festlegen. Demgegenüber stieg die Produktion in anderen bedeutenden Druckorten des vorigen Jahrhunderts nur kaum an, wie z.B. in Krakau (16. Jahrhundert: 216 Werke; 17. Jahrhundert: 178 Werke), oder fiel weit ab, wie z.B. in Basel (16. Jahrhundert: 197; 17. Jahrhundert: 66), Konstantinopel (16. Jahrhundert: 323; 17. Jahrhundert: 40) und Saloniki (16. Jahrhundert: 153; 17. Jahrhundert: 50).
Mit Beginn des 18. Jahrhunderts kristallisierte sich Amsterdam als unangefochtenes Zentrum des hebräischen Buchdrucks mit 1598 Publikationen heraus; dort wurde mehr produziert, als in den nächstgrößten Zentren Fürth (636 Veröffentlichungen) und Venedig (614 Titel) zusammen. Bei dieser Zählung darf jedoch nicht außer Acht gelassen werden, daß es auf deutschem Gebiet nicht ein großes Zentrum gab: von den zehn Städten, in denen im 18. Jahrhundert mehr als 300 Titel veröffentlicht wurden, lagen die Hälfte in den deutschen Territorien, die also als eigentliches Zentrum des hebräischen Buchdrucks im 18. Jahrhundert gesehen werden müssen.
7. 1750-1850: Verschiebung nach Osten und Dezentralisierung
Ab Mitte des 18. Jahrhunderts begann sich das Zentrum des hebräischen Buchdrucks, das in den vorherigen Jahrhunderten in Westeuropa gelegen hatte, von wo der östliche Teil Europas mit hebräischen Büchern versorgt worden war, nach Osten zu verlagern, wofür es mehrere Gründe gab: Zum einen wollten die Staaten Osteuropas den Kapitalabfluß, den der Import von hebräischen Büchern mit sich brachte, eindämmen und unterbinden und begannen daher, Importverbote für hebräische Bücher zu erlassen; zum anderen wurde sowohl die staatliche wie auch die kirchliche Zensur in dieser Region immer härter und strenger, und um diese Zensur besser überwachen zu können, wurde die Einrichtung von lokalen hebräischen Druckereien befürwortet und unterstützt; außerdem nahmen in dieser Zeit das Talmudstudium in Polen und Litauen sowie die chassidische Bewegung mit ihrer eigenen Literatur ihren Aufschwung, was zu einer verstärkten Nachfrage nach hebräischen Büchern führte.
Zu neuen Zentren des hebräischen Buchdrucks entwickelten sich dadurch vor allem Wien (ab 1747), wo im Jahr 1800 ein Importverbot gegen hebräische Bücher erlassen wurde, was den hebräischen Druckereien in Wien eine Art Monopolstellung verschaffte und es zu einem der bedeutendsten Zentren des hebräischen Buchdrucks in jener Zeit machte, außerdem Lemberg (ab 1758), Warschau (ab 1792) und in Wilna (ab 1799), dessen Druckereien vor allem nach 1845 eine Monopolstellung in Polen und Rußland hatten. Im 19. Jahrhundert waren die hebräischen Druckereien in diesen Städten die wichtigsten Produzenten hebräischer Bücher.
In Italien wurde ab Mitte des 18. Jahrhunderts Livorno (engl. Leghorn) zum wichtigsten Zentrum des hebräischen Buchdrucks, das neben Italien vor allem auch Afrika und Asien mit liturgischen Werken versorgte und nach den osteuropäischen Städten die nächst größte Produktion an hebräischen Büchern im 19. Jahrhundert zu verzeichnen hatte.
Ebenfalls einen Aufschwung in der Produktion erlebten Prag mit liturgischen Werken für den lokalen Bedarf und Saloniki, wo vor allem zeitgenössische Werke lokaler Autoren gedruckt wurden.
Die deutschen Städte und auch Amsterdam hingegen mußten einen Rückgang der Produktion hinnehmen; dort wurden im 19. Jahrhundert weniger als halb so viele hebräische Bücher publiziert wie im vorherigen Jahrhundert, da die Absatzmärkte im Osten verloren waren, für die zuvor in großem Umfang produziert worden war. Nur in Berlin, wo 1780 die "Orientalische Druckerei" gegründet wurde, die u.a. die Werke Mendelssohns und anderer jüdischer Aufklärer druckte und Berlin damit zum Zentrum für die Veröffentlichung der Aufklärungsliteratur machte, und in Rödelheim wurden noch über 300 hebräische Bücher veröffentlicht.
Insgesamt zeigen sich trotz der Dominanz der hebräischen Druckereien in den osteuropäischen Städten Ansätze einer Dezentralisierung im Bereich des hebräischen Buchdrucks, die neben der Tatsache, daß einzelne Zentren nicht länger fast den gesamten Markt versorgten, wie es in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts in höchstem Maße bei Venedig der Fall gewesen war und später dann in geringerem Umfang auch bei Amsterdam, im weiteren Verlauf dann auch in Konkurrenz mit den deutschen Städten, u.a. auf das Entstehen einer modernen nationalen hebräischen Literatur, die von Poesie, fiktionalen Werken, Kinderbüchern, Literaturkritik bis zu Übersetzungen klassischer Werke alle wichtigen Literaturgattungen umfaßte, zurückzuführen sind.
8. Schluß
Die vorliegende Arbeit hat gezeigt, wie der hebräische Buchdruck für das Judentum, das dem Schrifttum von je her eine große Rolle beimaß, schnell zu einem bedeutenden Kulturgut wurde, das sich in knapp vierhundert Jahren trotz größter Schwierigkeiten, wie Verfolgungen und Vertreibungen der Juden sowie strenger Zensur, Konfiskation und Verbrennung ihrer Bücher, über ganz Europa ausgebreitet hat. Wohin auch immer die Juden vor Verfolgung flüchteten, brachten sie dieses für sie so wichtig geworden Handwerk mit; wo auch immer die äußeren Umstände gerade günstig waren, entwickelte sich der hebräische Buchdruck schnell zu einem wichtigen Wirtschaftszweig. Auch Nichtjuden erkannten die Bedeutung des hebräischen Buchdrucks und den profitversprechenden Bedarf an hebräischen Büchern: sie eröffneten eigene hebräische Druckereien und fungierten als Druckherren, wenn dies den Juden selbst nicht erlaubt war.
Anhand der Auswahl der gedruckten Werke läßt sich heute noch die jeweilige Situation der Juden und ihr daraus resultierender Bedarf an bestimmten Formen von Literatur ablesen: In friedlichen Zeiten ohne Unterdrückung und Bedrängnis wurde eine reichhaltige, abwechslungsreiche Literatur veröffentlicht, die viele verschieden Interessens- und Themenbereiche umfaßte; in Zeiten von Diskriminierung und Verfolgung wurden hauptsächlich Standardtexte, die für das religiöse Alltagsleben notwendig waren, sowie Gebetbücher, in denen sich die Sorgen, Nöte und Hoffnungen der Juden äußerten, gedruckt.
Die Betrachtung der Entwicklung des hebräischen Buchdrucks hat somit auch automatisch, wenn auch nur in Ansätzen, eine Darstellung der jeweiligen Lebensumstände der Juden beinhaltet, die in dieser Arbeit wie auch in vielen anderen Arbeiten zu diesem Thema zu Gunsten der Gesamtdarstellung und -entwicklung des hebräischen Buchdrucks über vier Jahrhunderte bestimmt an vielen Stellen noch zu kurz gekommen ist. Weitere Forschungen, die sich auf Grund der Weitläufigkeit des Themas vielleicht nur mit einzelnen Zeit- oder Themenabschnitten beschäftigen könnten und sollten, wären erforderlich und wünschenswert.
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